Ich erinnere mich an ein Sportfest in der Schule. Verschiedene Stationen, ein Parcours, alle Kinder laufen auf Zeit. Jedes Kind will gewinnen, jedes Kind hetzt durch. Dann kommt unsere Tochter. Sie läuft los, und eine Stange fällt von den Pylonen. Sie dreht sich um und legt sie wieder drauf. Sie merkt, dass sie die Hängeleiter nicht sauber geschafft hat. Also läuft sie zurück und macht es richtig.
Natürlich fällt das auf. Es kostet Zeit. Und es zeigt so klar wie kaum etwas anderes, wie eigen ihre innere Logik ist und wie wenig sie mit der Logik der anderen Kinder übereinstimmt.
Als Begabungspädagogin IFLW begleite ich Familien, die genau das kennen. Und ich kenne es selbst, als Mutter und als Erwachsene, die sich lange gefragt hat, warum sie sich überall als Außenseiterin fühlte, während andere scheinbar mühelos Anschluss fanden. Mehr zu Selbstbild und Zugehörigkeit findest du im Themenraum Identität & Selbstbild.
Wenn das Bedürfnis nach echtem Kontakt unerfüllt bleibt
Unsere Tochter hatte nicht viele Freunde. Es gab einzelne Kinder, bei denen es klickte, meistens solche, die selbst hochbegabt waren. In den Niederlanden sagt man dazu: Es gab „een klik“. Aber solche Kinder zu finden ist schwer. Und die Zeit dazwischen, die Zeit ohne diesen Klick, ist echte Einsamkeit.
Das ist etwas anderes als Schüchternheit oder soziale Angst. Dein Kind hat ein Bedürfnis nach Verbindung und merkt, dass die meisten Gleichaltrigen es nicht erfüllen können. Nicht weil sie böse sind. Denkweise, Interessen und Tempo sind einfach zu verschieden.
Manchmal geht es weiter: Das Kind wird nicht nur nicht verstanden, es wird ausgegrenzt. Gemobbt, weil es anders ist. Weil es die Stange zurücklegt, weil es Fragen stellt, die sonst niemand stellt, weil es nicht mitmacht, wenn etwas falsch ist. Wenn du das bei deinem Kind beobachtest, sprich früh mit der Klassenleitung. Auch die Schulsozialarbeit oder der schulpsychologische Dienst können helfen.
Allein sein und einsam sein sind zwei verschiedene Dinge. Manche hochbegabte Kinder sind von Menschen umgeben und fühlen sich trotzdem bei niemandem angekommen.
Das Anderssein ohne Namen
Besonders schwer wird die Einsamkeit, wenn das Kind oder der Erwachsene noch nicht weiß, dass es eine Hochbegabung gibt. Es weiß nur: Ich bin anders. Irgendwie passt das alles nicht. Und weil es keinen Namen dafür gibt, liegt der Schluss nahe: Mit mir stimmt etwas nicht.
Ich selbst habe lange mit dieser Einsamkeit gehadert. Menschen aus meinem Umfeld fanden überall schnell Anschluss, waren ständig unterwegs und fügten sich leicht ein. Und ich fühlte mich überall als Außenseiterin. Wie ein Alien. Ohne zu verstehen, warum.
Viele hochbegabte Kinder spüren soziale Signale sehr fein. Sie merken, wenn ihre Fragen stören. Wenn ihr Tempo zu hoch ist. Wenn ihr Humor nicht ankommt. Daraus lernen sie oft, vorsichtiger zu werden statt offener. Diese Anpassung kostet viel Energie. Und sie hinterlässt das Gefühl, nie ganz man selbst sein zu dürfen. Wie sich das soziale und emotionale Erleben bei hochbegabten Kindern entwickelt, beschreibe ich im Beitrag Sozial-emotionale Entwicklung.
Einsamkeit bei hochbegabten Erwachsenen
Das Thema endet nicht mit der Kindheit. Viele hochbegabte Erwachsene beschreiben ein ähnliches Muster: Sie kommen gut mit Menschen aus, haben Bekannte, sind sozial eingebunden und fühlen sich trotzdem selten verstanden.
Gespräche bleiben an der Oberfläche. Tiefe Themen werden abgewinkt. Das eigene Denktempo und die eigene Intensität passen nicht zum Tempo des Alltags. Wer das viele Jahre erlebt, zeigt irgendwann weniger von sich. Und fühlt sich dadurch noch einsamer.
Oft hängt das mit einer späten Einordnung zusammen. Wie viele Erwachsene sich erst spät selbst verstehen, beschreibe ich im Beitrag Hochbegabung bei Erwachsenen erkennen. Bei Frauen kommt häufig eine lange Geschichte der Anpassung dazu, mehr dazu im Beitrag Hochbegabung bei Frauen.
Dabei gilt: Viele hochbegabte Menschen haben enge Freundschaften und fühlen sich gut aufgehoben. Einsamkeit ist kein Merkmal von Hochbegabung. Sie entsteht dort, wo jemand lange keinen Ort findet, an dem er ganz er selbst sein kann.
Was entlasten kann
Bei unserer Tochter veränderte sich etwas, als sie zum ersten Mal in einer Gruppe war, in der andere ähnlich dachten. Die Einsamkeit war nicht sofort weg. Aber sie merkte zum ersten Mal: Es gibt andere, die das kennen. Andere, bei denen es klickt.
Wir haben erlebt, dass es für unsere Tochter unter anderen hochbegabten Kindern deutlich leichter war, Kontakt zu finden. Deshalb haben wir uns in den Niederlanden früh bei Elternvereinen angemeldet, die mehrmals im Jahr Camps und Treffen für hochbegabte Kinder anboten. Wie man dort mit Hochbegabung umgeht, beschreibe ich im Themenraum Niederlande & Belgien. Davon gibt es leider viel zu wenige. Für uns haben sie einen großen Unterschied gemacht.
Was hochbegabten Kindern und Erwachsenen helfen kann:
- Gezielt nach Menschen mit ähnlicher Denkweise suchen. Sie müssen nicht gleich alt sein.
- Das Anderssein benennen und einordnen. Ein Name für das, was man erlebt, verändert den Blick auf sich selbst.
- Orte schaffen, an denen keine Anpassung nötig ist: zuhause, in bestimmten Gruppen, beim kreativen Tun.
- Dem Kind klar zeigen: Du bist nicht falsch. Du bist anders, und das hat einen Namen.
Wenn dein Kind über längere Zeit sehr traurig wirkt, sich zurückzieht oder nicht mehr in die Schule möchte, sprich mit eurer Kinderarztpraxis oder einer Kinder- und Jugendpsychotherapie. Das gilt für Erwachsene genauso.
Wenn du verstehen möchtest, warum sich hochbegabte Menschen so oft selbst falsch einschätzen, lies weiter im Beitrag Hochstapler-Syndrom und Hochbegabung.
Wenn du solche Gedanken regelmäßig lesen möchtest: Mein Newsletter bringt dir einmal pro Woche einen Raum und einen Gedanken, kostenlos und jederzeit abbestellbar.
Häufige Fragen
Warum fühlen sich manche hochbegabte Kinder einsam?
Oft fehlt keine Gesellschaft, sondern das Gefühl, verstanden zu werden. Manche hochbegabte Kinder denken anders, fühlen intensiver und merken früh, dass ihre Fragen oder ihr Tempo nicht überall gut ankommen. Sie passen sich an und verlieren dabei das Gefühl, gesehen zu werden.
Sind hochbegabte Menschen immer einsam?
Nein. Viele hochbegabte Kinder und Erwachsene haben enge Freundschaften. Einsamkeit entsteht eher, wenn jemand lange keine Menschen mit ähnlicher Denkweise findet oder die eigene Hochbegabung nicht kennt. Ein Name für das eigene Anderssein macht es oft leichter, Verbindungen einzugehen.
Was hilft, wenn mein hochbegabtes Kind sich einsam fühlt?
Nimm das Gefühl ernst und sprich es an. Such gezielt nach Kindern mit ähnlichen Interessen und ähnlicher Denkweise, auch wenn sie älter oder jünger sind, zum Beispiel über Vereine oder Treffen für hochbegabte Kinder. Und zeig deinem Kind, dass es nicht falsch ist.



