Dein Kind sitzt vor einer Textaufgabe. Es schaut aus dem Fenster, malt eine Spirale an den Rand und schreibt nach zwei Minuten die richtige Zahl hin. Ohne Rechenweg. Wenn du fragst, wie es darauf gekommen ist, zuckt es mit den Schultern: „Das sieht man doch.“
Von außen wirkt das wie Tagträumen oder Bequemlichkeit. Oft steckt etwas anderes dahinter. Viele hochbegabte Kinder denken in Bildern. Sie sehen eine Lösung, bevor sie sie in Worte fassen können. In den Niederlanden hat diese Art zu denken einen eigenen Namen: beelddenken, auf Deutsch Bilddenken.
Mehr Beiträge zu der Frage, wie hochbegabte Kinder denken und lernen, findest du im Themenraum Denken & Lernen.
Was Bilddenken bedeutet
Bilddenken heißt: Informationen werden vor allem als innere Bilder verarbeitet. Das können Standbilder sein, räumliche Modelle oder kleine Filme im Kopf. Ein bilddenkendes Kind „sieht“ einen Zusammenhang als Ganzes, statt ihn Wort für Wort aufzubauen.
Das hat eine starke Seite. Solche Kinder erfassen komplexe Situationen oft in einem Moment und finden ungewöhnliche Lösungen.
Und es hat eine schwierige Seite. Was als Bild im Kopf entsteht, muss für die Schule in Sprache übersetzt werden. Diese Übersetzung kostet Zeit und Kraft. Das Kind ist mit seinem Bild fertig, aber die Worte dafür fehlen noch. Darum kann es ein Ergebnis nennen, ohne den Weg erklären zu können. Es ist den Weg gegangen, nur nicht in Sätzen.
Bilddenken ist eng verwandt mit einem zweiten Muster, das bei hochbegabten Kindern häufig beschrieben wird: dem Lernen vom Ganzen zu den Teilen. Darum geht es im Beitrag Top-down-Denken bei hochbegabten Kindern.
Woher der Begriff „beelddenken“ kommt
Der Begriff stammt aus den Niederlanden und ist älter, als viele denken. Maria J. Krabbe beschrieb schon 1951 in ihrem Buch „Beelddenken en woordblindheid“ Kinder, die vor allem in Bildern denken. Es ging ihr damals um Kinder mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Später griff P. C. Ojemann den Gedanken auf (1987). Auf diese Arbeit geht auch das Ojemann-Wereldspel zurück, ein Spielverfahren, mit dem in der Praxis bilddenkende Kinder erkannt werden sollen. Krabbe und Ojemann unterschieden zwei Denkstile: den beelddenker und den begripsdenker, also den Begriffsdenker.
Heute ist beelddenken in den Niederlanden und in Flandern ein bekannter Begriff. Es gibt eine Stichting Beelddenken, Beratungspraxen und viele Ratgeber für Eltern. Im englischsprachigen Raum spricht man von „visual-spatial learners“, visuell-räumlich Lernenden. Bekannt gemacht hat diesen Begriff die amerikanische Psychologin Linda Silverman, unter anderem mit ihrem Buch „Upside-Down Brilliance“ (2002), das sich besonders mit hochbegabten Kindern beschäftigt.
In Deutschland wird der Begriff kaum verwendet und selten mit Hochbegabung in Verbindung gebracht. Das ist schade, denn wer ein Muster benennen kann, kann es auch erklären, vor allem dem eigenen Kind.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Auch in den Niederlanden sieht nicht jede Schule das so. Wie offen Lehrkräfte damit umgehen, hängt von den Menschen ab. Mehr über den Blick auf Hochbegabung in den Niederlanden und Belgien findest du im Themenraum Niederlande & Belgien.
Was die Forschung sagt
Bilddenken ist vor allem ein Begriff aus der Praxis. Wissenschaftlich ist er bisher wenig untersucht.
Forschende aus Utrecht, Groningen und Nijmegen haben das 2018 genauer geprüft (Suijkerbuijk, Jonker, van den Bos und Kroesbergen, 2018). Sie befragten 556 Kinder im Alter von etwa neun bis elf Jahren nach ihrer Vorliebe für Denken in Bildern oder in Worten und maßen zusätzlich ihre visuellen und sprachlichen Fähigkeiten. Die wichtigsten Ergebnisse:
- Bei den meisten Kindern hingen beide Seiten eng zusammen. Eine deutlich stärkere Vorliebe für Bilder als für Worte zeigten nur 20 von 556 Kindern.
- Was ein Kind gern tut und was es besonders gut kann, hing nur schwach zusammen. Wer gern in Bildern denkt, ist nicht automatisch besonders stark im räumlichen Denken.
- Probleme beim Lesen und Rechtschreiben hingen eher mit schwächeren sprachlichen Fähigkeiten zusammen als mit einer starken Vorliebe für Bilder.
Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass es noch kein verlässliches Messverfahren für Bilddenken gibt und dass ein klar abgegrenzter Typ „Bilddenker“ bisher nicht belegt ist. Hochbegabte Kinder standen in dieser Studie nicht im Mittelpunkt.
Was heißt das für dich? Bilddenken ist keine Diagnose und kein Etikett, das ein Test vergibt. Es ist eine Beschreibung dafür, wie ein Kind am liebsten denkt. Als solche kann sie sehr hilfreich sein. Sie gibt dir eine Sprache für das, was du jeden Tag siehst, und sie verschiebt den Blick: weg von „mein Kind passt nicht auf“, hin zu „mein Kind denkt gerade auf seine Art“.
Wie sich Bilddenken im Alltag zeigt
Du erklärst den Weg zum neuen Sportverein mit Worten: zweimal links, dann an der Ampel rechts. Dein Kind hört nur halb zu. Als ihr einmal hingefahren seid, kennt es den Weg für immer, mit jedem Baum und jeder Baustelle.
Dein Kind erzählt vom Ausflug und fängt mitten drin an. Es springt zwischen Bildern hin und her, weil im Kopf alles gleichzeitig da ist. Für dich klingt das ungeordnet. Für dein Kind ist die Geschichte vollständig.
Beim Lego baut es ohne Anleitung etwas Eigenes und weiß genau, wo welches Teil hingehört. Eine schriftliche Anleitung mit zwanzig Schritten dagegen macht es nervös.
Beim Zuhören schaut es ins Leere. Was wie Abschalten aussieht, ist oft das Gegenteil: Das Kind verknüpft das Gehörte gerade mit Bildern, die es schon gespeichert hat.
Warum es in der Schule zu Konflikten kommt
Schule arbeitet überwiegend mit Sprache und in Schritten. Für ein bilddenkendes Kind passt das oft nicht zu der Art, wie sein Kopf arbeitet. Daraus entstehen Missverständnisse, die sich ähneln:
- „Schreib deinen Rechenweg auf.“ Das Kind hat die Lösung gesehen, nicht in Schritten errechnet. Einen Weg aufzuschreiben, den es so nie gegangen ist, fühlt sich für das Kind sinnlos an.
- „Du träumst schon wieder.“ Der Blick aus dem Fenster gehört für viele bilddenkende Kinder zum Denken dazu. Wer sie dabei unterbricht, reißt das innere Bild auseinander.
- „Du kannst es ja, wenn du willst.“ An guten Tagen glänzt das Kind, an anderen bekommt es eine schlichte Diktatübung nicht hin. Das wirkt wie fehlender Wille, hat aber oft mit dem Unterschied zwischen Bild und Sprache zu tun.
Wird ein Kind über Jahre so eingeordnet, glaubt es irgendwann selbst, dass mit seinem Denken etwas nicht stimmt. Manche hören auf zu zeigen, wie sie wirklich denken. Wie sich das auf Motivation und Leistung auswirken kann, liest du im Beitrag Hochbegabung und Schule.
Ein Hinweis zum Lesen und Schreiben: Der Begriff beelddenken entstand ursprünglich im Umfeld von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten. Wenn dein Kind beim Lesen oder Schreiben deutlich und dauerhaft mehr Mühe hat als bei anderen Dingen, lass das bitte fachlich abklären, etwa beim Kinderarzt, beim Schulpsychologischen Dienst oder in einer Praxis für Legasthenie-Diagnostik. Bilddenken erklärt vieles, aber nicht alles. Dasselbe gilt, wenn Fachleute ADHS ansprechen. Warum Hochbegabung und andere Erklärungen so oft verwechselt werden, liest du im Beitrag Fehldiagnosen bei Hochbegabung.
Ein erster Schritt für dich als Mutter oder Vater
Für den Anfang reicht ein kleiner Schritt: Wenn dein Kind das nächste Mal ein Ergebnis nennt, ohne den Weg zu erklären, frag nicht „Warum hast du das so gemacht?“, sondern „Wie hast du das gesehen?“. Und lass es zeigen, statt zu erzählen. Mit den Händen, mit einem Stift, mit Gegenständen vom Tisch. Viele Kinder erklären auf einmal erstaunlich klar, wenn sie nicht zuerst in Worte übersetzen müssen.
Dazu ein paar Haltungen, die im Alltag schon viel ändern:
- Zeig zuerst das große Bild und dann die Einzelschritte.
- Lass ein richtiges Ergebnis gelten, auch wenn der Weg nicht sichtbar war.
- Erlaube Skizzen und Zeichnungen, wo andere Stichworte schreiben.
- Sprich mit der Lehrkraft darüber, dass Bilddenken kein Konzentrationsproblem ist.
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Wenn das Kind selbst entdecken will
Bilddenkende Kinder lernen anders. Diese Dinge unterstützen ihre Art zu denken im Alltag:
- → Wenn das Kind Zusammenhänge sehen will statt sie erklärt zu bekommen
- → Für Kinder deren Gedanken in alle Richtungen laufen gleichzeitig
- → Wenn normales Spielzeug zu schnell langweilt, was räumliches Denken wirklich fordert
- → Alle meine Empfehlungen auf einen Blick
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Erkennst du dein Kind wieder?
Bilddenken und Top-down-Denken sind oft Teil einer Hochbegabung. Wenn du beim Lesen immer wieder an dein Kind gedacht hast, ordne deine Beobachtungen in Ruhe. Unser kostenloser Elterntest hilft dir dabei: zwölf Fragen, rund fünf Minuten, das Ergebnis siehst du direkt im Anschluss. Er stellt keine Diagnose, gibt dir aber Worte für das, was du siehst, auch für das nächste Gespräch mit der Schule.
→ Zum Elterntest: Könnte mein Kind hochbegabt sein?
Wenn du noch unsicher bist, ob hinter dem, was du beobachtest, eine Hochbegabung steckt, findest du im Beitrag Hochbegabung erkennen die häufigsten Anzeichen.
Häufige Fragen
Was ist Bilddenken bei Kindern? Bilddenken bedeutet, dass ein Kind Informationen vor allem als innere Bilder, räumliche Modelle oder kleine Filme verarbeitet. Es erfasst Zusammenhänge oft als Ganzes und kann eine Lösung sehen, bevor es sie in Worte fassen kann. Der Begriff stammt aus den Niederlanden (beelddenken).
Sind alle hochbegabten Kinder Bilddenker? Nein. Bilddenken wird bei hochbegabten Kindern häufig beschrieben, aber es gibt viele hochbegabte Kinder, die vor allem in Sprache denken. Und nicht jedes Kind, das gern in Bildern denkt, ist hochbegabt.
Ist Bilddenken wissenschaftlich belegt? Teilweise. Dass Menschen verschieden gern in Bildern oder in Worten denken, lässt sich messen. Ein klar abgegrenzter Typ „Bilddenker“ ist bisher nicht belegt, und es gibt noch kein verlässliches Testverfahren (Suijkerbuijk u. a., 2018). Als Beschreibung dafür, wie ein Kind am liebsten denkt, ist der Begriff trotzdem hilfreich.
Was ist der Unterschied zwischen Bilddenken und visuellem Denken? Im Alltag meinen beide fast dasselbe. „Visuelles Denken“ ist der allgemeine Ausdruck. „Bilddenken“ ist die deutsche Übersetzung des niederländischen beelddenken und meint meist ein Kind, bei dem das Denken in Bildern deutlich im Vordergrund steht.




